Meine Geschichte: Nicht neurotypisch sein

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Content Note: Depressive Inhalte, Autismus?

Ich habe in einem englischen Forum, wo es unter anderem um “mental health” geht einen Beitrag geschrieben, den ich gerne auch hier zur Verfügung stellen möchte. Vielleicht erkennt sich ja jemand darin wieder. Ich werde übrigens vermehrt über das Thema generell bloggen, wenn es was zu erzählen gibt. Entwicklungen. Die Suche nach Hilfe. Und so weiter. Also wenn es euch interessiert, schaut ab und zu vorbei oder folgt mir auf Twitter, im Fediverse oder wo auch immer. dogger4Hug

In einem Thema habe ich geschrieben, dass ich (vielleicht) über “Menschen wie mich” schreiben möchte. Es ist an der Zeit, das „vielleicht“ in „erledigt“ zu verwandeln. Englisch ist nicht meine Muttersprache und ich hoffe, ihr bekommt keine blutigen Augen, wenn ihr dieses Thema lest.

Meine Geschichte: Wie bin ich?

Mittlerweile bin ich 35 Jahre alt. Ich wurde in eine … problematische Familie mit vielen Suchterkrankungen hineingeboren. Drogen, Alkohol, Glücksspiel. Im Vergleich zu vielen anderen Menschen, kann ich mich sehr gut an meine Kindheit erinnern. Ich weiß genau, wie ich als Kind war. Aber … ich weiß nicht warum. Ich mochte Nähe mit einigen Ausnahmen (meine Oma als Beispiel) nicht. Ich war ein sehr introvertiertes, ängstliches und innerlich sehr wütendes Kind und nach außen meist sehr ruhig. So beruhigend, dass meine Mutter dachte, ich sei gestorben, wenn Essenszeit war.
Schon in der Grundschule war ich lieber alleine. Ich wollte keine Freunde in meinem Alter. Ich war besser im Gespräch mit Erwachsenen (Lehrer als Beispiel). Andere Kinder waren nicht meine … Zielgruppe. Sie haben mich nicht verstanden.

Seit ich denken kann, mochte ich keinen längeren Augenkontakt. Es ist mir sehr unangenehm. Ich bin sehr geräuschempfindlich. Zu viele Stimmen gleichzeitig in einem Meeting oder wenn jemand mit einer Tüte Chips hantiert, machen mich sehr, sehr wütend. Ich versuche es zu unterdrücken und es funktioniert. Aber ich denke, Unterdrückung ist nicht gut für mich.
Veränderungen in meinem täglichen Leben sind schrecklich. Ein kleines Beispiel: Meine Mutter hat beschlossen, als ich in der 5. Klasse der Grundschule war, von heute auf morgen in einen anderen Stadtteil zu ziehen. Bis dahin war ich ein sehr guter Schüler. Gut in allen Hauptschulfächern. Nicht so gut in Kunst, Handschrift und Sport. Danach … nicht mehr. Schlechte Noten in fast allen Schulfächern und hab in der Schulzeit auch nie wieder die Kurbe gekriegt.

Und nun zu meinem Gehirn

Es ist ein chaotischer Raum mit 100 Hörbüchern, die alle gleichzeitig abgespielt werden. Einige von ihnen sind sehr laut. Ich versuche sie zu sortieren, aber das gelingt sehr selten. Ich habe alles versucht, um es zu beruhigen. Meditation. Lektüre. Kunst. Nichts hilft. Je mehr ich versuche, es zu unterdrücken, desto weniger hat es geholfen.
Wenn sich mein Tagesablauf plötzlich massiv ändert … sinkt mein Energielevel ins Bodenlose. Und mein Emotionslevel ist generell …. einfach negativ. Ich kann jede negative Emotion deuten. Aber keine positiven. Ich kann das Abschwächen negativer Emotionen deuten. Aber keine positiven steigerungen.
Meine Definition von Liebe unterscheidet sich von der anderer Menschen. Ich habe keine Schmetterlinge im Bauch. Oder übertriebene Aufregung. Liebe ist für mich, wenn ich eine Person in meiner Nähe ertragen kann, ohne dass die Person mich nur mit ihrer bloßen (längeren) Anwesenheit nervt. Und das ist …. selten. Mittlerweile beschäftige ich mich damit. Wieso?

Vor einigen Jahren habe ich begonnen, mein Verhalten zu hinterfragen und mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Vorher fehlte mir der Mut dazu. Ich habe einige ernsthafte Tests gemacht und eine vorläufige Antwort erhalten. Vielleicht bin ich Autist oder was in der Richtung. Okay. Aber mein Mut war wieder weg, also schob ich das vor mich hin.
Und jetzt … will ich mehr wissen. Weil meine negativen Emotionen länger anhalten und ich denke, ich brauche mehr Wissen über mein “unnormales” Verhalten und vielleicht gibt es etwas Hilfe oder Medikamente, um die Negativität ein wenig zu unterdrücken. Nicht verschwinden zu lassen, weil es mich am Ende doch aus macht. Aber ein bisschen weniger wäre echt cool. Leute wie ich sind nicht geduldig genug für „Nichtstun“ oder „Meditation“.

Eine Erfahrung von heute

Ich habe mich mit jemandem unterhalten, der meinen Blog allgemein kritisiert hat. Und es ist absolut in Ordnung zu kritisieren. Aber es war ein sehr unangenehmes Gespräch. Er bemängelt Tippfehler und dass meine Gedanken manchmal mitten in meinen Texten springen. Ich verstehe, dass es manchmal nicht einfach ist, das zu lesen. Aber ich denke, es ist mein Blog und ich kann ohne Einfluss anderer Dinge veröffentlichen.
Es war ein bisschen schwer für mich zu vermitteln und ich hatte das Gefühl, mich und mein Tun rechtfertigen zu müssen. Ich würde meine Energie verschwenden, um zu erklären, was nicht möglich ist. Es fühlte sich ein bisschen an, als würde der Mensch denken, ich würde lügen.

Und mein Blog ist mein Platz, um meinen Kopf zu entleeren. Wenn ich auf Testleser oder Korrektoren warten würde, damit das in jeden Lesestil passt, würde mir der Kopf explodieren. Warum müssen wir unsere Entscheidungen auch in einem persönlichen Blog begründen? Ich denke, die Person hat es jetzt verstanden. Aber es war ein sehr anstrengendes Gespräch. Und ich weiß, dass die Person das nicht negativ gemeint hat. Und noch wichtiger: Ich bin der Person nicht böse oder so.

Was war das Ziel dieses Textes?

Ich weiß, es ist sehr einfach zu sagen: „Es ist die Schuld des Egos, dass Meditation nicht funktioniert“. Und es ist leicht zu sagen: „Tu was Schönes, wenn du schlechte Gedanken hast“, „Geh raus und genieße die Sonne“, “Fühl dich umarmt”, “Es kommen bessere Zeiten” und so weiter und so weiter und so fort……..
Es ist so anstrengend, diese Sätze zu hören. Und ich weiß, dass sie gut gemeint sind und ich weiß es zu schätzen. Aber … ich möchte die Leute sensibilisieren, dass das nicht hilfreich ist.
Und wenn sich jemand dagegen ausspricht oder das nicht tut, was andere vorschlagen: Es ist nicht böse gemeint. Aber bei solchen Phraasen werden viele von uns genervt. Schlagt doch mal Aktivitäten für Hobbys vor. Wie Zeichnen. Es funktioniert vielleicht nicht, aber es ist besser als Phrasen. Und “Geh nach draußen” ist nicht wirklich ein Hobby.

Ich lebe in Deutschland und hier ist es im Moment schwierig, eine Diagnose zu bekommen. In meiner Stadt muss ich 3-4 Jahre warten. JAHRE. Und solange ich keine Diagnose für mein Verhalten habe, werde ich für alle kämpfen, die eine haben oder auch wenn eben nicht und nicht ernst genommen werden, wenn die Person sagt: “Ich kann nicht, weil mein Kopf es nicht zulässt”. Und weiterhin werde ich für die Akzeptanz der Meinung und der Aussagen dieser Personen kämpfen.
Auch für Personen ohne eine psychische Erkrankung würde ich kämpfen. Ich möchte halt klarstellen, dass Menschen wie ich, so viele Dinge versucht haben, um “normal” zu sein, und viele Dinge davon verletzen uns, weil das Gehirn etwas anderes will. Wenn du Menschen wie mich triffst, sei verständnisvoller oder sei neugierig und frage „Warum nicht“ und werde nicht wütend, wenn die Person nicht darüber spricht.

Das Ende

So. Ich habe ein bisschen der Oberfläche gekratzt und hoffe, ich konnte helfen, mich zu verstehen …. und Menschen wie mich, deren Definition von Glück etwas anders ist, als die der Allgemeinheit. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und das Lesen dieses recht großen Texts.

1 Kommentar zu „Meine Geschichte: Nicht neurotypisch sein“

  1. Huhu
    Also…
    Personen die keine Ahnung davon haben, nie davon betroffen waren, zu erklären wie man sich fühlt und man selber nicht genau weiß was abgeht ist super schwierig. Es kann passieren das sie Verständnis zeigen aber genauso kann sich das auch wieder am nächsten Tag ändern.
    Ich hatte bisher immer die besten Gespräche mit Personen die selber in einer ähnlichen Situation sind/waren.

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