Gerry 365 #187: 06.07. – Das Thema Prostitution in den (sozialen) Medien

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Manchmal sorgt Unwissen dafür, dass man Dinge von sich gibt, die unüberlegt sind und einem von jedweder Diskussion einfach nur disqualifiziert. Ich kenne den Grundursprung der Diskussion nicht, aber ich möchte aus den Fetzen, die ich auf Twitter so gelesen habe, mal einen Blog machen.
Ich nehme mir deswegen das Recht dazu heraus, weil ich auf meiner Arbeit seit 10 Jahren auch mit Prostituierten zu tun habe und sogar einige kennenlernen dürfte und viel über die Hintergründe derer Arbeit weiß.

Vorweg: Es gibt Zwangsprostitution. Diese ist auch nicht zu tolerieren. Was auch nicht zu tolerieren ist, wenn Zwangsprostitution generalisiert wird auf den gesamten Sexworker*Innen-Bereich. Und das passiert auf Twitter.
Auch wird immer wieder aufgegriffen, dass die Grenzen zwischen freiwilliger Prostitution und Zwangsprostitution fließend seien. Da kommt es aber, m. E., auch darauf an, was man darunter versteht.

Was oft bei Sexworker*Innen aus den östlichen Ländern vorkommt, ist dass sie in ein »reiches Land« geschleust und dort zur Sexarbeit gezwungen werden. Dies ist im höchsten Grade verwerflich und da bin ich auch konform, dass dies bekämpft werden sollte. Viele sehen Zwangsprostitution aber auch darin, dass Sexworker*Innen es tun, weil sie das Geld brauchen. Ist nicht schön. ABER das liegt immerhin noch in der Hand des Menschen selbst, wie ich finde. Es ist keiner da, der diese Person zwingt, diese Arbeit zu tun. Außer sie selbst. Und nur sie selbst können wieder herauskommen. Und dafür gibt es viele Hilfsstellen, die einem dabei helfen können. Ich habe hier mal drei stellen für Hamburg, Berlin und Köln herausgesucht, die für meine Zielgruppe relevant wären. Männer.

Das BASIS-Projekt in Hamburg

Subway in Berlin

Und LOOKS e.V. in Köln

Ich habe viele Sexworker*Innen kennengelernt, die es z. B. nur kurzzeitig gemacht haben, weil sie knapp bei Kasse waren. Viele machen es auch ewig, wegen dem Geld. Warum? Wenn man sich nicht unter Wert verkauft, kann man in dieser Branche sehr viel Geld verdienen.
Natürlich sollte man sich vorher erkundigen, welche Bedingungen in unserem Land gelten. Diese sind im Prostitutionsschutzgesetz geregelt. Dazu gehören auch Anmeldungen beim Gesundheitsamt zum Beispiel.

Und dann gibt es da noch die größte Gruppe, die bei diesen Diskussionen immer und immer wieder gänzlich außen vor gelassen wird. Und selbst wenn man sie ins Gespräch bringt, wird es als Minderheit abgetan. Aber tatsächlich arbeiten die meisten Sexworker*Innen, die mir begegnet sind, absolut selbstbestimmt.
Ich würde sogar die Behauptung aufstellen, dass diese Spaß bei ihrer Arbeit haben und sie, neben den guten Verdienstmöglichkeiten, es genau deswegen tun.

Oft habe ich in den letzten 10 Jahren gelesen, wie spannend es sei, neue Menschen kennenzulernen und oft auch ihre Geschichten zu hören. Natürlich haben viele Sexworker*Innen auch nicht so schöne Erlebnisse gehabt. Das gehört aber auch dazu. Egal was für einen Job wir machen, es kommt immer zu unangenehmen Momenten. Aber trotzdem wollen sie diesen Job machen. Denn sie machen es unabhängig. Und wenn sie ihn mal nicht machen wollen, dann nehmen sie sich Urlaub. Gerade die Sexworker*Innen, die dem nebenberuflich nachgehen, können das schnell entscheiden. Hauptberufliche Sexarbeiter*Innen, müssen da schon etwas überlegen. Aber sie nehmen sich die Auszeit, wenn sie sie brauchen.

Ich verstehe nicht, wie man diese drei Gruppen einfach vermischen kann. »Sex gegen Geld ist uneinvernehmlicher Sex« wird sehr, sehr oft angebracht und diese Aussage ist absoluter Bullshit. Sex ist einvernehmlich, sobald zwei (oder mehr) Menschen beschließen, aus welchen Gründen auch immer, miteinander zu verkehren. Sei es wegen Notgeilheit, weil sie sich lieben oder weil einer den anderen bezahlt.
Nicht einvernehmlich ist es dann, wenn ein Mensch hinter dem/der Sexarbeiter*In steht, und sie dazu nötigt, mit anderen Menschen zu verkehren. Und statt darüber zu diskutieren, die Prostitution als illegal zu erklären, wäre es hilfreicher, mehr Anlaufstellen zu bieten, gerade für junge Menschen, um über das Thema aufzuklären oder Opfer von Zwangsprostitution eine Anlaufstelle zu bieten um sie zu schützen.

Ein Verbot der Sexarbeit ist der falscheste Ansatz, den man wählen kann. Etwas zu verbieten sorgt dafür, dass künstlich Verbrecher geschaffen werden, wo keine sind. Sexarbeit ist das älteste Gewerbe der Welt. Ob unabhängig oder unter Zwang. Unser und das Ziel der Politik sollte es sein, die Zwangsprostitution zu bekämpfen. Nicht jene, die es gerne und freiwillig tun. Nicht gegen die zu arbeiten, die sich an Regeln, Gesetze und Verordnungen halten.
In Diskussionen sollte generell darauf geachtet werden, unabhängige Sexworker*Innen nicht mit denen zu vermischen, die dazu gezwungen werden. Denn Letztere, machen nicht den Großteil dieses Arbeitsbereiches aus. Im Gegenteil. Kämpft gegen Zwangsprostitution und für die Rechte der unabhängigen Sexarbeiter*Innen. DAS ist das Ziel. Nicht ein Verbot!

Gerry

2 Kommentare zu „Gerry 365 #187: 06.07. – Das Thema Prostitution in den (sozialen) Medien“

  1. Truth be told, wenn mein Körper in besserer Verfassung wäre, sprich 10kg weniger hätte, würd ich mich auch prostituieren. Nicht, weil ich es unbedingt bräuchte oder aus Notgeilheit ( dogger4Sip ) sondern einfach nur, weil in meinem Kaff damit wirklich schnelles Geld zu machen ist. Natürlich weniger zu Pandemiezeiten wenn man selbst oder andere noch ungeimpft sind. Aber generell könnte ich diese Möglichkeit eines Nebenberufs eher mit meiner Freizeit kombinieren.

    Und würde ich diesem Geschäft nachgehen, fände ich es auch nicht so toll, wenn man das als illegal abstempelt. Weil ich im Gegensatz zu einigen anderen wenigstens die Wahl hab. Aber das sind eh nur die Stimmen, die am lautesten Schreien und dem letzten neuesten Trend hinterher rennen, über den man sich wieder aufregen kann. Da wirst du selten jemanden finden der sich ausführlich über das Thema schlau gemacht hat. Das sind einfach nur Leute, die mitreden wollen. Und Aufmerksamkeit erregen … nicht für das Thema an sich, sondern nur für sich selbst. Social justice warriors in a nutshell. Aber die kennen wir ja auch schon aus einigen anderen Bereichen, wo Leute für uns sprechen, die damit eigentlich gar nicht am Hut haben, nicht? dogger4NotSure

  2. Was ein Thema…
    Na klar gibt es die Zwangsprostitution wo Leute dazu genötigt werden, aber genauso eben auch die welche aus ganz anderen Gründen (Spaß, Geld und Co.) das tun. Ich finde auch, dass man das differenziert behandeln sollte und ich meine auch, dass das unter Strafe Stellen das ganze nicht ändert. Natürlich ist der Staat auch daran interessiert, wenn es nicht verboten wird und legal betrieben, denn das ist ein Milliardengeschäft für den Staat durch Abgaben und Steuern.

    Letztendlich muss es jeder selbst wissen, ob man sowas macht, aber Aufklärung, Hilfe und Anlaufstellen könnten auch da mehr gefördert werden. Nur dieses generelle “Das ist Böse” ist einfach falsch

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